Holocausterinnerung und Realität
Am 27.2.2026 wurde im Biržaier Sela Regionalmuseum die Ausstellung "Besatzung und Freiheitskämpfe" präsentiert. Sie soll die Geschichte der Biržaier Juden beleuchten.

Honoratioren der Stadt, Israels Kulturattache Shimon Pesach (2. von rechts).
Die Juden lebten in Biržai seit Jahrhunderten. Sie bevölkerten zumeist die Innenstadt, bewohnten die meisten steinernen Häuser und waren wirtschaftlich erfolgreich.
Nach dem Einmarsch der Deutschen im Juni 1941 wurden die Juden ghettoisiert und am 8. August 1941 im Wald von Astravas ermordet.
Die Zahl der Opfer beläuft sich auf 2400, darunter 900 Kinder unter 14 Jahren. Die Deutschen waren bei ihrer Sonderbehandlung der litauischen Juden sehr auf die litauische Verwaltung und Freiwillige angewiesen. Es mussten Listen von jüdischen Einwohnern angelegt werden. Die Juden mussten abtransportiert werden, ins Ghetto gesteckt und bewacht werden.
Das wurde, natürlich auf deutschen Befehl, von Litauern durchgeführt.
Auch als die Juden im August in Astravas erschossen wurden, waren 2-10 (genaue Zahlen sind nicht verfügbar) Deutsche anwesend und ca. 80 Litauer (mehr dazu unter Gedenkstätte).
Die Ausstellung über die Geschichte der Biržaier Juden war lange erwartet worden, war doch die bisher einzige Erinnerung an den ehemals größten Bevölkerungsanteils Biržais eine kleine Vitrine mit einer Thora Rolle gewesen.
Bei der Eröffnung waren die Honoratioren der Stadt anwesend, besonders diejenigen, die sich um die Erinnerungskultur mit der jüdischen Bevölkerung verdient gemacht haben. Anwesend war auch der israelische Kulturattache Shimon Pesach.
Was die Freude über die Ausstellung dämpft ist, dass sie im Vergleich zu anderen litauischen Museen viel zu spät kommt. Zu lange hat sich das litauische Verständnis der Jahre nach der Unabhängigkeit gehalten. Nur Litauer waren Opfer, die Sowjets und die mit ihnen verbandelten Juden waren die Täter. Das nennen die Historiker doppelter Holocaust (eine Aufrechnung der sowjetischen Deportationen 1941 mit dem den Juden angetanen Leid). So war das Museum (wie überall in Litauen) lange aufgebaut.
Die neue Ausstellung macht Hoffnung auf einen echten Wandel der Erinnerungskultur. Allerdings, wenn man mit offenen Augen durch das Sela Museum geht, findet man im oberen Stockwerk Bilder von Kazys Skirpa und Antanas Stapulionis.

Links Stapulionis, in der Mitte Skirpa
Kazys Skirpa war litauischer Botschafter in Berlin, hat die LAF (Litauische Aktivisten Front) gegründet, die verkürzt gesagt, das litauische Personal für die deutschen Besatzer lieferte. Die LAF war rechtsextrem, nationalistisch und antisemitisch. Kein Holocaust ohne die Deutschen, aber die LAF wollte die Juden auch weg haben.
Antanas Stapulionis war Polizeichef von Panevezys und Anführer einer LAF oder Partisaneneinheit, wie sie überall beim Einmarsch der Deutschen diese unterstützten. Ein Historiker schrieb mal, die Aufständigen hätten ein paar abziehenden Russen in den Rücken geschossen und sonst nichts. Das stimmt natürlich so nicht. Die Einheiten hatten die Aufgaben wichtige Orte zu schützen und Plünderer zu erschien (so im Text des Bildes im Sela Museum).
Nun, außer den Russen hinterherzuschiessen verhafteten die LAF Partisanen vor allem Juden und begannen die zu ermorden. (Im Jäger Bericht steht, wen sie alles einsperrten).
Das Massaker an der Lietukis Garage in Kaunas ist so ein Beispiel. Auch dort war eine LAF-Gruppe eingesetzt. Dort wurden etwa 80 jüdische Männer bestialisch ermordet. (Lietukis Massaker).
Antanas Stapulionis blieb Polizeichef in Panevezys bis Ende 1941. In dieser Zeit wurden Listen erstellt, wer Jude war und wo diese Juden wohnten. Die Juden wurden abtransportiert, ghettoisiert und deren Eigentum eingezogen oder verteilt. Ruta Vanagaite, die mit Antanas Stapulionis entfernt verwandt war, beschreibt ihn in ihrem zusammen mit Efraim Zuroff geschriebenen Buch "Die Unsrigen" (englische Ausgabe S. 144-145). Sie schreibt von 80.000 konfiszierten Sachen. Nachdem die 4400 Juden im August ermordet wurden, hätten die restlichen 25.500 Einwohner 3-4 Dinge aus deren Besitz erhalten können. Jeder!
Wenn die Ausarbeitung der Listen, der Transport, die Ghettoisierung und die Bewachung nicht von Deutschen gemacht wurde ("nur" befohlen). Welche Schuld trägt dann Antanas Stapulionis? Immerhin war er der Chef von dem Personal, das die Drecksarbeit gemacht hat. Natürlich, Antanas Stapulionis ist kein einziger Mord nachzuweisen. Allerdings war er der Verantwortliche. Und wie kommt ein Museum auf die Idee den Verantwortlichen für den Holocaust in Panevezys mit Bildern zu ehren und KEIN Wort über seine Verantwortung und seine Kollaboration zu erwähnen?
Stapulionis ist natürlich nicht die einzige historische Person, die heute noch in Litauen geehrt wird. In Ukmerge gibt es ein Denkmal für Juozas Krikštaponis. Der war Mitglied in einem TDA-Bataillon, das in Weißrussland 46.000 Menschen erschossen hat. Er war Kommandeur der 2. Kompanie. Im lokalen Museum (in Ukmerge) habe ich nach Juozas Krikštaponis gefragt. Mir wurde gesagt, das ganze Theater wegen Krikštaponis gibt es nur, weil sich eine Jüdin aus Vilnius wichtigtut. Es gäbe gar keine Beweise, ob Juozas Krikštaponis wirklich Menschen ermordet hat.
Solange sich solches Geschichtsverständnis hält, wird es keine ehrliche Erinnerungskultur geben und Ausstellungen wie die im Sela Museum sind Makulatur
(in Ukmerge gab es auch eine neue Ausstellung, die war nicht schlecht).

Eines der wenigen Fotos von Birzaier Juden im Museum. Propagandafoto von 1940. Birzaier Juden begrüßen Stalin.

Auf der Tafel rechts im Bild steht:
Das vergangene Jahrhundert, das oft als Zeitalter der Extreme und der Grausamkeit bezeichnet wird, hat gezeigt, dass die Stürme der Geschichte Menschen seelisch traumatisieren, körperlich zu verkrüppeln oder sogar praktisch jeden Einwohner Litauens und Europas zu vernichten. Daher beschreiben Menschen ihre Erfahrungen aus dem Zeitraum von 1914 bis 1991 – geprägt von zwei Weltkriegen, dem Aufstieg verschiedener autoritärer und totalitärer Regime, den Holocaust, den Gulag, verschiedene Formen seelischer Gewalt im Alltag, wirtschaftliche Umbrüche und Entbehrungen, die die Menschen damals erlebten, beschreiben sie ihr Dasein oft als Leben in schweren und dunklen Zeiten.
Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Vergangenheit offen bleibt für neue Fragen und Interpretationen; wir müssen versuchen, die Menschen sowie ihre Gefühle, Denkweisen und Handlungen in Extremsituationen zu verstehen.
Der Kulturhistoriker Aurimas Svedas
Aurimas Svedas Text klingt wie eine historische Gleichsetzung des Holocaust mit den Deportationen nach Sibirien. Die übliche litauische konservative "Doppelte Holocaust Theorie".
Wie kann ich die 80 Litauer verstehen, die den Nazis geholfen haben die Birzaier Juden im August 1941 zu erschiessen? Wie kann ich die Museumsmitarbeiter (in Ukmerge) verstehen, die an Krikstaponis Einsatz bei den TDA Bataillonen in Weißrussland nichts anrüchiges sehen?
Übrigens, bei meinen ersten Besuchen in dem Raum, in dem heute die neue Ausstellung untergebracht ist, hingen 1995 noch die die Bilder der sogenannten Partisanen an der Wand. Die haben gegen die Sowjets gekämpft. Standen aber auch alle (? ich kann die Fotos davon nicht mehr finden und deshalb die Namen nicht vergleichen) auf der Liste von Josef Rosin.
Liste der litauischen Helfer am Holocaust in Birzai von Josef Rosin


Baltarasciai, Weißwarmbändler, von den Deutschen Partisanen genannt . Vabalninkas Juni-Juli 1941 (Green House Vilnius)

Baltarasciai, Litauische Freiwillige 7.7.1941 in Birzai

Baltarasciai aus Vabalninkas 1941 (Yad Vashem)
Vabalninkas ist ein kleines Dorf. Ich finde die Menge an Litauern die hier mitgemacht haben (sich als Hilfspolizisten zur Verfügung stellten) erstaunlich.